Nachgefragt bei Orturn Humpert -Berufsschäferin aus Nordrhein-Westfalen beantwortet Leserfragen

151111-nabu-ortrun-humpert-foto-sabine-brakhan

Foto: Sabine Brakhan

Text: NABU Homepage

Wie funktioniert der Herdenschutz durch Hunde genau?

Im Prinzip funktioniert Herdenschutz mit Hunden durch Abschreckung. Der Hund signalisiert dem möglichen Angreifer über sein massives Bellen und seine recht eindrucksvolle Statur sowie durch sein ganzes Verhalten: „Ich passe hier auf. Du möchtest nicht näherkommen, weil Dir das nicht bekommt.“ Ein Wildtier auf Futtersuche ist effizient und wird sich überlegen, ob sich der Aufwand lohnt. Am besten funktioniert der Herdenschutzhund (HSH) mit Zaun, weil dadurch sein Territorium so klar eingegrenzt ist, dass für den, der nur draußen vorbeigeht, keine Gefahr besteht, angegriffen zu werden, da der Hund bei seiner Herde bleibt. Es geht immer um Verteidigung, nie um Angriff – der beste Kampf ist der, der von vornherein nicht stattfindet.

Was kostet die Anschaffung eines Herdenschutzhundes?

Ein Welpe von zertifizierten Eltern (nur solche sollte man wählen, weil man da eine sehr große Chance hat, dass die Nachkommen etwas können und nicht nur so aussehen als ob) kostet rund 900 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer. Ein zertifizierter erwachsener Hund (anderthalb bis zweieinhalb Jahre), der alle erforderlichen Fähigkeiten hat und auch darauf getestet ist, liegt in der Schweiz preislich bei 3500 Euro. Dies dient als Maßstab auch in Deutschland. Das ist ein hoher Betrag – aber für einen zuverlässigen 24-Stunden-Mitarbeiter genau betrachtet supergünstig.

Wie lange dauert die Ausbildung eines Herdenschutzhundes?

Ein Herdenschutzhund kann nach anderthalb bis zweieinhalb Jahren als ausgebildet betrachtet werden. Voraussetzung ist, dass man ihn nicht einfach nur in die Herde bringt und annimmt, er wisse von allein, was zu tun ist. Das war früher die Lehrmeinung und funktioniert vielleicht auch in menschenleeren Gebieten. Aber der Herdenschutzhund bei uns muss mit vielfältigen Reizen und Natur-Mitnutzern zurechtkommen. Er lernt, sein Gebiet nicht eigenständig zu verlassen: den Jogger, der jeden Nachmittag dort entlang läuft, soll er nicht als Bären ansehen und sich nur über die Dinge aufregen, bei denen es sich lohnt. Er lernt, dass seine Herde (egal welche Tierart) seine Sozialpartner sind und was für sie gefährlich sein könnte vom betrieblichen Arbeitsalltag zu unterscheiden. Er lernt, dass seine menschlichen Bezugspersonen zuverlässig sind. Und wenn sie jemanden mitbringen, derjenige solange nicht als Feind zu betrachten ist, wie „sein“ Mensch dabei ist. Gleichzeitig muss ein Herdenschutzhund auch eigenständig entscheiden und handeln – er ist kein Befehlsempfänger. Diese Sicherheit muss auch erlernt werden, und noch etliches mehr. Am besten lernt ein Junghund von einem bewährten älteren Hund.

Wie viele Schutzhunde benötigt eine Herde? Gibt es eine Art Faustregel?

Das Gelände, die Herdengröße, -struktur und Tierart (auch Temperament der Tiere) sowie die Lage in der Landschaft sind Faktoren, die man bedenken muss. Es sollten mindestens zwei Hunde gehalten werden, da ein Sozialpartner der eigenen Art immer von Vorteil für den Hund selbst ist und ein Gespann von Hunden einen inneren und einen äußeren Verteidigungsring um die Herde herstellt. Zeitweise kann ein erwachsener Herdenschutzhund auch allein arbeiten, aber als Dauerzustand ist dies nicht anzuraten.

Stimmt es, dass der Bedarf an Herdenschutzhunden derzeit nicht gedeckt werden kann?

Herdenschutzhunde sind bei uns traditionell eher weniger eingesetzt worden. Die meisten Herdenschutzhund-Rassen blieben dort als Arbeitshunde erhalten, wo große Beutegreifer nie verschwunden waren. Viele dieser Rassen sind heutzutage als Familien- oder Ausstellungshunde unterwegs oder auch zu recht aggressiven Statussymbolen geworden. Vernünftigen Herdenschutz kann man von diesen Tieren nicht erwarten. Also muss man nach Arbeitslinien suchen und aus diesen gute Nachkommen züchten. Davon gibt es noch zu wenige. Wer mit Herdenschutzhunden beginnt, bräuchte einen erfahrenen Herdenschutzhund als Lehrmeister für sich und für Junghunde – diese begabten älteren Herdenschutzhunde fehlen bislang teilweise auch noch.

Hunde aus dem Ausland zu importieren, kann bei geeigneten Einzeltieren sinnvoll sein – im Allgemeinen sind die Lebensbedingungen dort jedoch so unterschiedlich, dass ein Einsatz unter unseren Bedingungen schwierig sein kann. In unserer dicht besiedelten Landschaft brauchen wir Herdenschutzhunde mit hoher Reizschwelle, keine, die gleich in die Luft gehen, wenn beispielsweise Jogger mit ihrem Dackel an ihnen vorbei laufen. Nur so kann man diese Art von Herdenschutz etablieren.

Wie hoch sind Ihre Verluste durch Füchse, Totgeburten, Verkehrsunfälle oder auch Diebstahl? Und gibt es andere Gefahren für Ihre Schafe?

Zahlen dazu sind von Region zu Region und Betrieb zu Betrieb verschieden. Wir haben inzwischen dank der Herdenschutzhunde wenig Probleme mit äußeren Einflüssen. Gegen Seuchenzüge und ähnliches sind wir genauso machtlos wie alle anderen.

Füchse stellen sogar für recht große Lämmer oder Jungschafe eine große Gefahr dar, wildernde Hunde für alle Schafe (oft ist der Besitzer eines solchen Hundes gar nicht weit weg). Vermehrt attackieren auch Raben gut geführte Schafherden in der Lammzeit. Totgeburten gibt es gelegentlich, bei Auftreten von globalen Seuchen (Blauzunge) oder bislang unbekannten Viren (Schmallenberg) gehäuft. Das ist für uns Schäfer besonders bitter, weil man da fast nie vorbeugen kann. Verkehrsunfälle sind selten – hier helfen dem Schäfer gute Hütehunde aus Arbeitslinien, manchmal auch rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer. Schwierig ist es hier vor allem mit stark befahrenen Straßen oder Zuglinien. Diebstähle (sogar ganzer Herden) sind verhältnismäßig häufig, vermehrt mit „Schlachtung“ direkt auf der Weide. Hier werden auch gern Elektro-Netze und Zaungeräte gestohlen – fatal, wenn dann eine Herde ausbricht.

Wie groß ist der zeitliche und finanzielle Mehraufwand für die Schäfer, wenn sie ihre Schafe wolfssicher halten müssen?

Das ist nicht allgemein zu sagen, weil es stark davon abhängt, wie groß die Flächen in einer Region sind und welche Art Landschaft, welche Rasse Schaf. Wir berechnen gerade seitens der Vereinigung deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL), welche Kosten man insgesamt durchschnittlich dafür in Ansatz bringen kann. Der zeitliche Aufwand beim Einsatz von Elektrozäunen ohne Hund wird sich nach bisheriger Erfahrung mindestens verdreifachen, bei schwerem Boden, Hanglage oder ähnlichem bis verfünffachen. Das ist, gerade wenn eine Herde täglich umgesetzt wird, von einer Person nicht mehr zu leisten. Zusätzliches Personal dafür hat ein Schäfer allerdings eher nicht. Der zusätzliche Materialaufwand hängt von der Ausstattung des Betriebes ab – und ob man die speziellen Wolfsnetze nehmen will (die im Praxistest in NRW auf den Betrieben wenig gute Noten bekamen). Netze, in denen die Schafe willig bleiben, halten nicht unbedingt den Wolf ab. Das bedeutet in vielen Fällen eine komplette Neuanschaffung. Breiteres Flatterband (2 Zentimeter) sollte unbedingt elektrifizierbar sein und ist in der Bewegung unangenehm fürs Auge, hoffentlich auch dem Wolf – rot-weiße Baustellenabsperrung hingegen ist nur Müll in der Umwelt.

Allgemeingültig erfasste Zahlen für die Arbeitsbelastung in der Schafhaltung gibt es in der neuen Studie des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft zur Landschaftspflege mit Schafen; eine Auswertung „mit Wolf“ fehlt bisher.

Ein Herdenschutzhund kostet mit Tierarzt und Versicherung ohne Steuer pro Jahr etwa 1500 Euro, dazu kommt pro Tag etwa eine Stunde für die Betreuung, in Hütehaltung bis zwei. Bei mehr Hunden reduzieren sich die Kosten pro Hund. Genauere Zahlen gibt es hoffentlich bald beim Arbeitskreis Herdenschutz der Vereinigung deutscher Landesschafzuchtverbände.

Noch gibt es keine Wölfe in meiner Region – ab wann ist der richtige Zeitpunkt, in Sachen Herdenschutz aufzurüsten?

Am besten jetzt. Betrachten Sie Ihre vorhanden Zäune mit den Augen eines Wolfes. Sichern Sie feste Zäune nach unten ab, wenn es ohnehin etwas zu reparieren gibt. Bei Gelegenheit und schönem Wetter ziehen Sie einen bodengleichen Spanndraht, der das Durchkommen unterm Draht erschwert. Flicken Sie Löcher sofort. Was durchhängt, muss gestrafft werden. Arbeiten Sie mit schon jetzt mit Elektronetzen, tauschen Sie defekte Netze, die die Spannung nicht mehr halten, peu á peu aus. Wichtig sind straff gespannte Netze mit geraden, abgespannten Ecken und mindestens 4000 Volt Spannung, doppelt schadet aber auch nicht. Benutzen Sie Ihr Zaungerät und testen Sie, wie man die Erdung verbessern kann.

Flatterband und Co. braucht es noch nicht, aber man kann schon einmal überlegen, wie man im gegebenen Gelände zusieht, dass in etwa auf Nasenhöhe eines Wolfes eine Stromlitze (mit extra angeschlossener Erde) zeigt: hier geht es nicht weiter! Das gilt auch für alle anderen Weidetiere. Hilfreich: die aid-Broschüre „sichere Zäune“. Nicht, weil sie was garantiert, aber weil sie Grundlage derer ist, die uns verwalten. Und ansonsten: Beobachten Sie das Wild. Wenn es sich anders verhält, vielleicht vorsichtiger ist als üblich, könnte das ein erster Hinweis auf die Anwesenheit eines Wolfes sein.“

Anmerkung und das in diesem Fall mehr als nur gerne: Ortrun und Andreas Humpert sind die Quelle meiner Schafe (Skudden und WGH) und auch bei der diesjährigen Bockauswahl auf der Auktion in Verden, gaben sie mit den Ausschlag für die Wahl von „Ansgar“, dem neuen WGH Bock.

Wir sind dankbar für ihre Hilfe und Unterstützung bei all den Fragen, die in unseren Anfangsjahren gedrängt haben. Nur so konnten sich die mittlerweile ausgesprochen umfangreichen Beweidungsprojekte im NSG nahe Göttingen und den Wiesentälern im Solling entwickeln.

Sabine Schumacher

Advertisements

Über frauenschuh

Schaf- und Ziegenhalterin, 1. Vorsitzende NABU Dassel-Einbeck, 2. Vorsitzende NABU Altkreis Münden, Apothekerin. Motto? Wir haben nur dieses eine Leben! Dieses eine, wunderbare Leben!!!
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.