„geht es so mit?!???“

 

 

Gehen wir in den Supermarkt, ist es eigentlich selbstverständlich… man hat eine Tüte dabei. Notfalls im Auto. Kein Mensch sieht darin ein Problem oder mangelnden Service. Es war ja auch vergleichsweise einfach den Verbraucher dahin zu trainieren. Die Chefs der Ketten haben das einmal so beschlossen, und schon kostete die Tüte. Ich könnte dabei noch nicht mal sagen was sie kostet, ich kaufe so etwas nicht. Und glauben Sie ja nicht, ich hätte immer einen Beutel dabei. Aber irgendwie klappt das mit dem Transport trotzdem immer. Der Beschluss der Supermarktketten hat nachhaltig gewirkt. Die meisten jonglieren Milch und Joghurt auf dem Arm, wenn die Tüte doch im Auto wartet. Im eigentlichen Einzelhandel… sieht die Sache aber etwas anders aus. Servicewüste Deutschland… das will kein Geschäftsinhaber auf sich sitzen lassen. In meiner Branche kommt auch noch dazu, dass Pharmafirmen die Tüte als Werbefläche nutzen und der Apotheker selbige häufig kostenlos beziehen kann. Oder er nutzt es zur eigenen Werbung. Werbung um Kunden, die seine Existenz darstellen. Seit bald 25 Jahren stehe ich an der vorderen „Front“ in den öffentlichen Apotheken und habe nach anfänglicher Verwunderung Strategien psychologischer sprachlicher „Kriegsführung“ entwickelt. Während nämlich der Supermarktkunde rollende Zucchinis, schwabbelige Mozzarellapackungen, fragile Buttermilchbecher und alles andere in Jackentaschen oder auf und unter den Armen verteilt bekommt… sind drei Schachteln Medikamente so schwierig zu verstauen wie eine sich sträubende Katze, die in den Transportkorb soll. So muss es sein, denn unverhältnismäßig viele Kunde verlangen nach einer Tüte. Das kann verschiedene Ursachen haben, wie ich im Laufe der Jahre erschließen konnte: Entweder will man nicht, dass der Nachbar sieht welche Medikamente man nimmt. Da kommt der nie und nimmer von alleine drauf, dass meine Körperfülle beispielsweise ein Blutdruckmedikament erforderlich macht. Oft angeführt wird auch das Argument, dass die Schachteln sonst im Auto „so rumfliegen“ – ganz als hätten sie im Gegensatz zu Brötchen und Limoflaschen die Eigenschaft urplötzlich Flügel zu entfalten und durchs Auto zu segeln. Was das für Folgen haben kann, weiß jeder, der den goldenen Schnatz aus den Harry Potter Romanen her kennt. Viel banaler ist allerdings ein Argument, das auch mit geschickter Wortwahl nicht auszubremsen ist: Der Kunde ist König und der bekommt selbstverständlich auch eine Tüte, sonst wurde er nicht hinreichend gut bedient.

Als Naturschützerin steht man da vor einem Dilemma. Ich stellte sogar gewisse „Formulierungsstudien“ an: Möchten Sie eine Tüte??? Dieser Satz bekommt eine erschreckend hohe Ja-Quote zur Antwort. Wenn ich da hingegen umformuliere zu: Möchten Sie eine Tüte oder (ab hier etwas lauter und fröhlich auffordernd) geht das so mit? Dann tendiert die Antwort überraschend häufig zu: Och, das geht so… Die geübte Approbierte wittert auch die Umweltchance, wenn sie erkennen kann, dass ein Rucksack oder ein vorhandener Stoffbeutel mitgeführt wird. Dann lautet die Formulierung gleich: Das bekommen Sie in Ihre Tasche noch hinein? Oder wie meine Kollegin nunmehr sagt: Sie haben einen Beutel mitgebracht??? – egal ob sie einen sieht oder nicht. Sie achtet auch darauf die Ware konzentriert auf der Apotheken-Zeitung anzuordnen, welche dann sozusagen als Tablett zum Abtransport dienen kann. Ist der Coup geglückt, dann folgt ein „Danke, da freut sich die Umwelt“ von unserer Seite.

Sie würde es nicht glauben… aber gerade der Nachsatz mit dem Danke für die Umwelt löst häufig Gelächter aus. Hier habe ich noch nicht ermitteln können, woran das liegt. An dem mangelnden Wert, den Umweltschutz für die Kunden hat oder an der mangelnden Erkenntnis, dass so eine Plastiktüte sinnlos verprasstes Erdöl ist? Oder dass sich eine Angestellte überhaupt zu so was einen Kopf macht? Es gibt aber auch die anderen, die da einen Gesprächsaufhänger finden und uns darin bestärken, dass es lohnt hier den kleinen Kampf zu führen. Weil sie ihn ebenfalls mit dem gleichen Ziel führen. Mich besorgt dabei, dass es überwiegend ältere Menschen sind, die ganz selbstverständlich ihren Stoffbeutel zücken oder die offensichtlich schon mehrere Jahre gebrauchte Plastiktüte, bei der Antifaltencreme auch nicht mehr helfen würde, so zerknittert wie der Beutel ist. In den 80ern war es schließlich „in“ eine Tüte mit Aufdruck „Jute statt Plastik“ zu tragen. Jahaaa, solange bewegt uns Deutschen schon dieses Thema. 35 Jahre mit wenigen Fort- teilweise eher Rückschritten.

Und die Chefs? Was sagen die? Die Diskussion zeigt hier durchaus ja Einsicht, aber der Kunde fordert es (und das tut so mancher wirklich) und die Papiertüte bei Regen…

Ich ziehe diesen Zahn nur ungern, aber Papiertüten sind auch nur das kleinere Übel. Ihre Herstellung verbraucht sehr viel Energie und Recourcen. Die ersetzen nicht das Mitführen eines wiederverwendbaren Beutels.

Nun hoffen alle auf die freiwillige Selbstverpflichtung des Handels… die da seit dem 1.7.2016 gilt. Nur… sehe ich bei den Kunden und damit auch bei den Chefs keinen Fortschritt. Solange die sagen: Bei XY bekomme ich die Tüte aber noch kostenlos…. werden sich die kleinen Geschäftsleute weiter nach eben jenem Kundenanspruch richten. Kleine , dünneTüten sind ja schließlich ausgenommen…

Träume sind ja erlaubt. Sie sind sogar wichtig und richtig. So mancher Träumer hat in der Welt in der wir leben schon etwas bewirkt. Ich träume davon, dass meine Kunden auf die Frage: „Möchten Sie eine Tüte oder geht es so mit?“ klipp und klar formulieren: Haben Sie den Anschluss verpasst? Tüten sind doch nicht zeitgemäß! Oder: Wozu das denn? Hat man die im letzten Jahrtausend verwendet? Oder: Ist Ihnen Umweltschutz nicht wichtig? Mir schon! Ruhig so ein wenig lustig drastisch formuliert. Damit Chefs erkennen, dass Kunden auch nachhaltig bei ihrer Geschäftswahl auf Umweltschutz achten. Was meinen Sie, wie schnell die auch die eigene Fragestellung überdenken. Aber selbst wenn Sie jetzt denken: Also nein, das traue ich mich nicht, was soll denn der oder die von mir halten???… ganz sicher geht ein Satz wie: Danke, aber ich habe eine Tasche dabei. Und wenn die Apothekerin gegenüber dann lächelt,  wissen Sie was Sie denkt: Klar, die paar Schachteln… vollkommen normal. Das geht freiwillig so mit.

 

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Über frauenschuh

Schaf- und Ziegenhalterin, 1. Vorsitzende NABU Dassel-Einbeck, Beiratsmitglied NABU Altkreis Münden, Apothekerin. Motto? Wir haben nur dieses eine Leben! Dieses eine, wunderbare Leben!!!
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