Rückblick auf die Exkursion „Orchideen und Beweidung“ am 3.6.2018

Orchideen sind die Diven unter den Pflanzen. Nicht nur, dass sie an ihren Standort pingeligste Ansprüche stellen – sie sind auch eng an Witterungseinflüsse geknüpft.

Zahlenmäßig ist 2018 kein besonders „bombastisches“ Orchideenjahr. Da haben auch wir schon bessere Jahre erlebt. Es ist aber gerade in einem solchen Jahr mit trockenem Frühjahr erfreulich, dass sich heute 8 verschiedene Orchideenarten bei unserer Exkursion präsentiert haben. Ja, das Pflegegebiet des Vereins ist eher klein. Es ist von der Ausdehnung her beispielsweise nicht zu vergleichen mit dem Kerstlingeröder Feld. Aber gerade auch diese kleinen floristischen und faunistischen Schatzkästchens bergen wahre Kleinodien und sind ungemein erhaltenswert.

Die heutigen Teilnehmer konnten auf dem Rundweg im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen in die Geschichte des Bahndamms und seine wechselvolle Geschichte. Welche Pionierleistung muss die Erstellung dieser historischen Bahntrasse gewesen sein. In einer Zeit, in der Menschen mit einfachsten Geräten unvorstellbare Erdbewegungen geleistet haben, entstand diese Kulturlandschaft bei Ossenfeld – einem kleinen Ort zwischen Dransfeld und Göttingen. Von außen weist nicht viel auf die Besonderheit des Gebietes hin. Seit Jahren bedauern wir, dass es kein Schild gibt, das darauf hinweist, dass hier ein Naturschutzgebiet mit Betretungsverbot besteht. Warum…. das war für die Teilnehmer hautnah erlebbar. „Orchideen“ – das heißt nicht prachtvolle Riesenexemplare in kitschigen Farben wie im Blumenladen vorzufinden. Heimische Orchideen sind oft geradezu unscheinbar. Oder sie sind wie die braunrote Stendelwurz fast sogar tarnfarben. Wer also ohne Führung das Gebiet betritt, der beeinträchtigt am Ende Orchideen, die vielleicht nur mit wenigen Exemplaren vertreten sind. Weil aber das Interesse ein Gebiet kennen zu lernen nachvollziehbar ist und zudem der alte Satz „man kann nur schützen was man kennt“ gilt, bieten wir fast jährlich eine Führung an.

Diese Führung zeigt nicht nur die seltenen Pflanzen des Gebiets, sondern berichtet auch von Anekdoten und Entwicklungen, von Bestrebungen und Hoffnungen, von Erfolgen und Rückschlägen im Schutz des Gebietes.

Der einschneidenste Rückschlag war sicher die Verdrängung der Beweider, als das Gebiet dem Naturschutz unterstellt wurde. Es war damals ein Fehler zu glauben, dass „unberührte Natur“ am besten ist und man schützenswerte Gebiete dazu sich selber überlässt. „Unberührte Natur“ ist der Bahndamm schon per se nicht. Er ist eine von Menschen geschaffene Kulturlandschaft. Seine Botanik entwickelte sich durch die Bewirtschaftungsform: In alten Zeiten hielten die Ziegen der Bahnwärter die Hänge von Bewuchs frei, der sich andernfalls durch den Funkenflug der Dampfrösser entzünden konnte. Später pflegten Rinderhalter das Gebiet. Seit Aufgabe der Beweidung versuchten engagierte Naturschützer der Biologischen Schutzgemeinschaft die Verbuschung aufzuhalten. So war es auch der mittlerweile leider verstorbene Reinhard Urner, der den jetzigen Beweidern auf den Weg half. Wie oft hat er den Satz „man müsste einen Beweider finden“ geäußert und geduldig erklärt, warum die Freistellung per Hand zwar eine Notlösung ist, die Königsklasse der Beweidung aber noch ganz andere Ergebnisse erzielt. Nicht nur, dass der Tritt der Weidetiere den Boden verletzt, so dass der hauchzarte Samen der Orchideen und anderer seltener Pflanzen überhaupt erst keimen kann. In der Klauenwand, im Klauenspalt und in der Wolle tragen die Schafe zudem Samen und im Fell sogar Heuschrecken von einer Fläche zur anderen. Gerade die kleinen Flächen leiden an genetischer Verarmung, wenn sie nicht mehr von Schafen und Ziegen gepflegt werden.

Das Pflegegebiet des Vereins befindet sich so nach wie vor „in Entwicklung“. Nicht nur, dass die Rotbraune Stendelwurz und die Fliegenragwurz nach Jahren ohne Nachweis in den vergangenen Jahren wieder aufgetreten sind, wir vermuten und hoffen, dass weitere Arten möglich sind. Das liegt eben daran, dass die Beweider auch eine weitere Orchideenfläche in der Pflege haben. Mit anderen Arten. Gut möglich, dass die Schafe etwas hin oder her verschleppen werden. Ebenso gibt es auf dem Ossenberg andere Arten, die durch Windverbreitung einfinden könnten. Hinzu kommt, dass sich in jeder winterlichen Pflegesaison die Fläche vergrößert, da Freiwillige durch händische Freistellung und Baumfällungen die Verbuschung, hier eher Verwaldung, zurück drängen. Gleich Jahresringen konnte man diese Entwicklung bei der heutigen Exkursion erkennen. Unaufhaltsam kommen die lichtliebenden Arten zurück.

Stendelwurz

Zu den Highlights heute gehörten sicher die Fliegenragwurz, aber auch die Türkenbundlilien.

Türkenbundlilie

Letztere haben vom trockenen Frühjahr profitiert. Sie kämpfen in feuchten Jahren mit Schneckenfraß. Bei den Schmetterlingen waren es unzählige Bläulinge, die so im Vorbeifliegen schwer zu bestimmen waren. Dieses Bild zeigt wohl einen Hauhechelbläuling.

Sie haben die heutige Führung verpasst und möchten doch auch mal das Gebiet betreten und kennen lernen? Dann melden Sie sich unter 05502/547071 Die Beweidungssaison beginnt und Helfer sind gesucht. Das ist die Gelegenheit das Gebiet trotz Betretungsverbot kennen zu lernen und gleich tatkräftig mitzuhelfen. Das Material über den Bahndamm tragen, kann jeder, der fit genug ist die Steigung zu bewältigen. Es ist weniger schwer, als eher sperrig. So lässt sich vor Ort erleben, was man im eigenen Garten übrigens nicht überleben könnte! Ausgraben, mitnehmen, Samenkapseln mitnehmen… das ist alles vergebens und zudem verboten. Unsere Orchideen-Diven haben Ansprüche an Boden, Mikroorganismen und Bestäuber, die Sie ihnen nicht bieten können. „Haben“ kann man so etwas nicht – und kann doch mithelfen es zu erhalten. Wir würden uns freuen, wenn wir Sie dafür begeistern könnten.

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Über frauenschuh

Schaf- und Ziegenhalterin, 1. Vorsitzende NABU Dassel-Einbeck, 2. Vorsitzende NABU Altkreis Münden, Apothekerin. Motto? Wir haben nur dieses eine Leben! Dieses eine, wunderbare Leben!!!
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